Wolfgang Brunners schlimmstes Laster ist ab und an mal etwas Schokolade zu essen und das Schreiben. ;-) Bei einer Bahnfahrt kamen entsetzliche Kreaturen auf ihn zu ... Hybriden. Von Michael Ende hat er einen persönlichen Brief in erhalten und was darin steht ... Mehr davon im Interview.

Wer mir eine Frage zum Interview beantworten kann und mir dazu eine E-Mail sendet, der kann „Nachtzug“ gewinnen. Wie es geht? Das steht am Ende des Interviews.


Wolfgang Brunner

Foto: © Wolfgang Brunner

Wolfgang Brunner ist Autor.

Wolfgang Brunner ist im Dezember 1964 in Freising geboren, er ist in München aufgewachsen, war zehn Jahre lang in Berlin und lebt heute in Hamminkeln am Niederrhein. Er leitete mehrere Jahre in Rosenheim eine Versicherungsaußenstelle, bevor er Geschäftsführer für Fernreisen wurde.
Hast du selbst auch Fernreisen unternommen, während du Geschäftsführer im Reisebüro warst?

WOLFGANG BRUNNER: 
Sicherlich habe ich auch die ein oder andere Fernreise in meiner Eigenschaft als Geschäftsführer unternommen. Meine Urlaube verbrachte ich damals im Mittelmeerraum, während es mich geschäftlich zum Beispiel nach Bali und Australien verschlug, um die für mich beeindruckendsten Zielgebiete zu nennen. Gerade letzteres hinterließ sowohl in Bezug auf die Landschaften wie auch der Bevölkerung großen Eindruck.Die Mentalität der Australier zog mich sofort in ihren Bann und ich war von ihrer Freundlichkeit und Herzlichkeit so angetan, dass ich an diese Reise noch heute sehr oft denke. Ich verbrachte meine Zeit in Australien mit einem Campmobil und lernte dadurch Land und Leute bestens kennen. Es war ein Erlebnis, das ich niemals missen möchte und unvergesslich für mich bleibt.

Wenn du verreist, wo reist du gerne hin und was ist dir an einem Urlaubsort wichtig?

WOLFGANG BRUNNER: 
Heutzutage ziehe ich es vor, im eigenen Land Urlaub zu machen. Deutschland hat so viele schöne Ecken, die man nicht kennt. Die Zeiten, sich die Sonne an einem touristischen Ort auf den Bauch scheinen zu lassen, sind für mich schon seit einigen Jahren vorbei. Ich suche eher den Bezug zu Natur und Ruhe. Urlaub bedeutet heute für mich: Lesen, Spazieren gehen und Unterhaltungen führen. Des Weiteren liebe ich es, mir Städte anzusehen und auf eigenen Füßen versteckte Stadtteile und nicht so bekannte „Sehenswürdigkeiten“ zu entdecken.

Arbeitest du in Hamminkeln noch in einem Brotjob und falls ja was machst du?

WOLFGANG BRUNNER: 
Neben meiner schriftstellerischen Tätigkeit, auf die ich seit längerem schon mein Hauptaugenmerk richte, bin ich hin und wieder in einem Haushaltswaren-Discounter tätig. Dies dient zum einen natürlich einem zusätzlichen Verdienst, zum anderen komme ich dort aber auch mit vielen Menschen in Kontakt, mit denen ich mich auch unterhalte. Dann kommt es dann schon auch mal zu spontanen Ideen, die mir dabei durch den Kopf schießen und mich zu einer Geschichte inspirieren. Da das Schreiben, Redigieren und all die anderen Dinge, die man als Autor noch so zu tun hat, immer mehr Zeit in Anspruch nehmen, liegt mein Ziel sicherlich darin, mich nur noch der Schriftstellerei zu widmen, sobald mir dies finanziell möglich wird.

Du hast im November 1989 in München Michael Ende getroffen. Du hast ihm Gedichte von dir und die ersten Seiten deines Romans gegeben. Er hat dir tatsächlich schriftlich geantwortet. Den Antwortbrief findet man auf deiner Homepage. Wie hast du die Begegnung mit Michael Ende erlebt?

WOLFGANG BRUNNER: 
Die Begegnung mit Michael Ende und der daraus resultierende Briefkontakt waren wichtige Punkte in meinem Leben, die mich Sicherheit auch den Ausschlag gaben, dass ich den Gedanken, Schriftsteller zu werden, niemals aufgab. Wir trafen uns auf der Sendlinger Straße in München, wo ich den Mut fasste, ihn anzusprechen. Er bat mich sogar in seine Wohnung, wo wir uns dann im Flur unterhielten und er sich dazu bereit erklärte, meine Lyrik und Prosa anzusehen. Ich warf meine Gedichte und ein unfertiges Manuskript einen Tag später in seinen Briefkasten und harrte dann ungeduldig der Dinge. Den handgeschriebenen Antwortbrief von Michael Ende kann man jetzt auf meiner Homepage sehen.

Für mich war es äußerst beeindruckend, dass sich ein Schriftsteller (noch dazu ein so bekannter und zur damaligen Zeit ziemlich erfolgreicher) mit meinen Gedichten beschäftigte und mir tatsächlich eine derart ausführliche Antwort schrieb. Dies führte dazu, dass ich mich, wie von ihm geraten, noch ausführlicher mit der Literatur beschäftigte, als ich es damals ohnehin schon tat. Ich empfand Michael Ende als sehr bescheidenen, wunderbaren Menschen, der trotz seines Erfolges durch „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ ein „ganz normaler Mann“ geblieben war. Beeinflusst durch seine beiden bekanntesten Werke entstand die Idee zu meiner Jugendbuchreihe um Kim Schepper, deren erster Teil Anfang 2010 erschien. Die auf fünf Teile geplante Serie ist meine Verneigung vor diesem großartigen Schriftsteller.

Welche Hobbys/Leidenschaften hast du?

 

WOLFGANG BRUNNER: 
Außer mit Lesen beschäftige ich mich in meiner Freizeit intensiv mit Musik und Filmen. Dann gibt es da noch die „Titanic“, die schon vor James Camerons Welterfolg eine Leidenschaft von mir war, der ich mit dem Sammeln aller möglichen Dinge zum Thema frönte: Schneekugeln, Handtaschen, verschiedene Modelle, Bücher, Hörspiele, Filme usw., einfach viele Sachen, die mit der Titanic zu tun haben, befinden sich in meiner Sammlung. Auch das „Leben nach dem Tod“ beschäftigt mich seit über zwei Jahrzehnten und führte zu meiner Cryptanus-Reihe, deren abschließender, dritter Band wahrscheinlich 2012 auf den Markt kommt.

Ein weiteres Hobby von mir, das ich leider nicht mehr in dem Maße fortführe, wie ich es manchmal gerne täte, ist das Sammeln von Autogrammen. Auch da verbergen sich inzwischen kleine Schätze, wie zum Beispiel eine Unterschrift der wunderbaren, leider außer durch 'Grüne Tomaten' und 'Miss Daisy und ihr Chauffeur' nicht sonderlich bekannten Jessica Tandy. Sie verstarb just in der Zeitspanne, als ihr Autogramm per Post zu mir unterwegs war.

Du hast kein Handy, kein Auto, siehst nicht fern und isst kein Fleisch. Wie kam es zu diesen - nicht ganz typischen - Verweigerungen?

WOLFGANG BRUNNER: 
Bis das erste Handy auf den Markt kam, lebte ich ganz gut. Ich muss und will auch heute nicht immer und überall erreichbar sein, so wichtig bin ich nicht und will ich auch gar nicht sein. Wenn ich höre, dass heutzutage sogar Beziehungen per SMS beendet werden, verzichte ich lieber auf ein Handy. ;-)

Ein Auto ist aus meiner Sicht nicht nötig: es gibt Bahn, Flugzeuge und Mitfahrgelegenheiten. In der Großstadt U-, S-Bahnen, Busse und Taxis. Man kommt heutzutage in den meisten Fällen ganz gut ohne eigenes Auto aus. Auch wenn meine Lebensgefährtin mittlerweile wieder ein eigenes Fahrzeug besitzt, käme ich nach wie vor ganz gut ohne zurecht.

Fernsehen ist für mich, bis auf wenige Ausnahmen, fast schon Volksverdummung. Meine Zeit ist mir zu wichtig, um streitende Asoziale, an den Haaren herbeigezogene, angeblich wahre Begebenheiten und permanent durch Werbeblöcke unterbrochene „Blockbuster“ anzusehen, die meist sogar noch gekürzt werden, um die Werbung unterzubringen. Über fünfzehn Jahre ohne Fernsehen hat mir mit Sicherheit nicht geschadet. Ich ziehe es vor, mir die Filme, die mich interessieren, in Ruhe und ungekürzt auf DVD anzusehen.

Dass ich kein Fleisch esse hat einen einfachen Grund: ich liebe Tiere, warum sollte ich sie also essen?

Du hast auch das Rauchen aufgegeben. Hast du denn gar keine Laster? Denn viele bleiben ja nicht mehr übrig ;-)

WOLFGANG BRUNNER: 
Das Rauchen aufzugeben, war äußerst schwierig für mich, weil ich ein ziemlich starker und überzeugter Raucher war. Allerdings hatte das Aufhören den netten Nebeneffekt, dass ich dadurch meine heutige Lebensgefährtin kennenlernte.

Ich bin nicht sicher, ob man meine Bibliomanie als Laster ansehen kann. Auf jeden Fall sage ich zu einem Glas Rotwein, gelatinefreien Gummibärchen und ein paar Stückchen Schokolade hin und wieder nicht 'Nein'!

Wie viele Katzen hast du?

WOLFGANG BRUNNER: 
Momentan leben meine Lebensgefährtin und ich mit drei Katern zusammen. Seit meinem zwanzigsten Lebensjahr war ich fast immer von Katzen umgeben, manchmal war es nur eine, manchmal aber auch vier. Mit den jetzigen scheinen wir echte Glückstreffer gelandet zu haben, denn Jack, Vincent und Einstein verstehen sich hervorragend und bilden ein einmaliges Trio.

Ein Leben ohne Katzen kann ich mir schlecht vorstellen. Sie strahlen Ruhe und Gemütlichkeit aus, haben ihren eigenen Kopf und sind dadurch, oder vielleicht sogar deswegen, fantastische Weggefährten.

Was liest du zurzeit? Und wenn du liest, welche Genres liest du am liebsten?

WOLFGANG BRUNNER: 
Zur Zeit lese ich „Kreatur“ von Caitlín R. Kiernan, die mich schon mit „Fossil“ ziemlich begeistert und beeindruckt hat. Ihren ausgefallenen Schreibstil würde ich als eine Mischung aus Clive Barker und Samuel R. Delany bezeichnen.

Ansonsten lese ich mich durch alle Genre, da ich nicht wirklich auf eine Richtung fixiert bin. Mit dem Lesen halte ich es wie mit dem Schreiben: nicht das Genre sondern die Geschichte muss stimmen.
Zu meinen absoluten Favoriten unter den Autoren gehören unter anderen: Dan Simmons, Clive Barker, John Irving, Michael Ende, Ralf Isau, Stephen Baxter, Iain Banks, J.R.R. Tolkien, Ann Rice und Tad Williams.

Die Liste ließe sich jedoch noch ohne weiteres fortsetzen. Einige der genannten SchriftstellerInnen haben eine Sprachbegabung, die mich immer wieder fasziniert.
Ein Lieblingsgenre im Speziellen habe ich, wie gesagt, nicht. Dazu gibt es auch zu viele Romane, die überhaupt nicht eindeutig einem bestimmten Genre zugeordnet werden können.

Wie viele Manuskripte musstest du versenden, bis dein erstes Buch bei einem Verlag angenommen wurde? Wie war der Vorgang und wie kam es dann letztendlich zur Veröffentlichung?

WOLFGANG BRUNNER: 
In meinem Aktenordner habe ich ca. 30 Absagen gesammelt, obwohl es mit Sicherheit deutlich mehr waren. Außer den Angeboten von unseriösen Druckkostenzuschussverlagen, wurde ich nur mit leider vorgedruckten Schreiben bombardiert, die mit keinem einzigen Wort auf meine Werke eingingen. Oft verließ mich in jener Zeit der Mut und ich war nahe daran, aufzugeben.

Die erste Veröffentlichung war dann für mich ein enormer Erfolg, bis ich feststellte, dass die Zusammenarbeit mit dem Verlag doch sehr zu wünschen übrig ließ.

Bei meiner jetzigen Verlegerin Pia Bächtold fühle ich mich gut aufgehoben, zumal mir zu der guten Kommunikation auch noch das ein oder andere Mitspracherecht bei den Veröffentlichungen zugesprochen wurde.

Bei den namhaften „Großen“ unterzukommen, hieße für mich sicherlich, sich dem Mainstream anpassen zu müssen. Auf fahrende Züge wie „Vampire“, Dystopien und andere Modegenres aufzuspringen, kommt für mich aber nicht in Frage. Ich möchte meine Geschichten schreiben, wie ich sie will und nicht, wie ein angeblich breites Publikum sie gerne lesen würde. Die Reaktionen auf meine Bücher zeigen, dass ausgefallenere Literatur sehr wohl gefragt und verkaufbar ist.

Du hast schon immer geschrieben? Was ist schreiben für dich?

WOLFGANG BRUNNER: 
Das stimmt!
Ich habe schon als Kind Heftchenromane im Stil von „John Sinclair“ verfasst und mich an „epischen“ Romanen versucht.

Schreiben ist für mich Hobby und Beruf, Herausforderung und Bestimmung, Schöpfungsakt und Befriedigung. Wenn ich schreibe, liebe ich, weine, lache, ertrage Schmerzen und bin mutig. Schreiben ist in dem Moment, in dem ich es mache, Lebensinhalt und dann auch die einzige Aufgabe, die ich zu erfüllen habe. Durch das Schreiben lebe und liebe ich intensiver, weil es mich Tag und Nacht beeinflusst, inspiriert und erfüllt.

Schreiben ist eine Sucht und, um auf eine der vorherigen Fragen zurückzukommen, eines meiner Laster. ;-)

Nachtzug

In „Nachtzug“ geht es lt. Amazon.de um:
05.Januar 2011! Schneechaos im gesamten Deutschland! Während sich der mehr oder minder erfolgreiche Schriftsteller Thomas Kassner im Nachtzug ICE 844 von Berlin nach Düsseldorf befindet, brechen aus einem Institut für Klonforschung in der Nähe von Gütersloh Hybriden aus, eine Kreuzung aus Mensch und Hyäne. Die genmanipulierten Bestien machen sich auf die Suche nach Nahrung und stoßen dabei auf den im winterlichen Schneetreiben liegengebliebenen Zug. Ein erbitterter Kampf auf Leben und Tod entbrennt, als die Passagiere feststellen müssen, dass sie den gnadenlosen Monstern hilflos ausgesetzt sind. …

Hier finden Sie weitere Informationen:
Nachtzug

Wie kamst du auf die Idee zu „Nachtzug“?

WOLFGANG BRUNNER: 
Die Idee zu meinem ersten Horror-Roman wurde in der Nacht vom 05. auf den 06. Januar 2010 geboren. Ich saß in einem „Nachtzug“ der Bahn und war auf dem Weg von Hamminkeln nach Berlin, als durch starken Schneefall und Eiseskälte Weichen einfroren und der Zug mitten auf der Strecke stehen blieb. Ich fuhr am Abend des 05. Januar gegen 19 Uhr los und kam am 06. Januar etwa um 02.30 Uhr in der Nacht in Berlin an. Ich hatte also genügend Zeit, das Szenario, in dem ich festsaß, in Gedanken zu einer Romanidee umzugestalten, zumal meine Reiselektüre aus Richard Laymons Horror-Klassiker „Der Keller“ bestand. Es lag also nahe, dass ich mir ein Horrorszenario ausmalte.

Ich überlegte also, was bei so einem Unwetter und kompletten Stillstand einer Reise passieren könnte, während ich auf die Weiterfahrt wartete.Als ich in Berlin ankam, war der grobe Handlungsverlauf von „Nachtzug“ in meinem Kopf fertig gestellt.

Ich bin sicher, dass du für „Nachtzug“ recherchieren musstest. Ist dir bei den Recherchen etwas Überraschendes, Außergewöhnliches, Witziges passiert?

WOLFGANG BRUNNER: 
Die Recherchen für „Nachtzug“ fielen bedeutend geringer aus, als bei meinen früheren Romanen oder dem aktuellen Buch „Die Weiße Frau“, bei dem viele historische Fakten eine wichtige Rolle spielten.
Überraschendes, Außergewöhnliches oder gar Witziges ist da nicht passiert. Vielleicht nur, dass eine eher unbedeutende Recherche zur Idee meines neuen Romans führte. Mein Protagonist Thomas Kassner ist Schriftsteller und lebt am Niederrhein, so wie ich heute im richtigen Leben.

Ich wollte, dass er in Handlungsverlauf von „Nachtzug“ einen Regionalkrimi plant und war deswegen auf der Suche nach einem spektakulären Mordfall, der in der hiesigen Region passiert ist. Dabei stieß ich durch Zufall auf die Legende der Weißen Frau aus dem nahe gelegenen Schloss Ringenberg. Diese eigentlich wirklich völlig unbedeutende Recherche führte soweit, dass ich mich sofort nach „Nachtzug“ an eine Romanfassung jener Legende machte, die jetzt Ende Oktober 2011 unter dem Titel „Die Weiße Frau – Eine Legende vom Schloss Ringenberg aus Hamminkeln“ im Pia Bächtold Verlag erscheint.

Wie gingst du an den Plot für „Nachtzug“ heran? Könntest du uns ein Beispiel für deine ersten Überlegungen zur Handlung von „Nachtzug“ geben?

WOLFGANG BRUNNER: 
Wie schon erwähnt, entstand der Plot in einem Nachtzug. Da ich während der Fahrt gerade Laymons Klassiker „Der Keller“ las, lag es irgendwie nahe, dass ich mir in der Kälte der Nacht Gedanken um einen Horror-Roman machte. Ich sah bedrohliche Gestalten auf den im Schneechaos liegen gebliebenen Zug zulaufen und Bilder aus John Carpenters Kultfilmen „Das Ende“ und „Das Ding aus einer anderen Welt“ kamen mir in den Sinn. Ich wollte eine nahezu aussichtslose Situation schaffen, eine bedrohliche, ja fast schon apokalyptische Stimmung …

Ich dachte an Werwölfe, verwarf den Gedanken aber sofort wieder, weil ich eine eigene Idee wollte und keine Wesen, die es bereits gab. Irgendwann kam dann die Überlegung mit den Hybriden, eine Kreuzung aus Mensch und Tier wie sie H.G. Wells in seinem hervorragenden Roman „Die Insel des Dr. Moreau“ entworfen hatte. Mischwesen dieser Art erschienen mir ziemlich bedrohlich und angesichts der Situation, in der ich mich damals befand, verursachte mir der Gedanken daran eine Gänsehaut.

Und so reifte in jener Nacht eigentlich nur folgende Ausgangssituation, mit der die Idee zu „Nachtzug“ seinen Anfang nahm: Ein Zug bleibt in der Nacht im winterlichen Wetterchaos auf der Strecke von Berlin nach Düsseldorf stecken und wird von Hybriden, die aus einem nahe gelegenen Institut für Klonforschung ausgebrochen sind, angegriffen.

Fallen dir Dialoge, Charaktere oder szenische Darstellungen leichter, fällt dir alles gleich leicht oder anders gefragt, magst du alles gleich gerne?

WOLFGANG BRUNNER: 
Ich schreibe sehr gerne Dialoge, weil sie meiner Meinung nach einen Roman fast wie einen Film erscheinen lassen. Bei den Entwürfen zu meinem ersten Roman „Cryptanus – Der Geruch des Todes“ hatte ich allerdings anfangs noch Schwierigkeiten mit der wörtlichen Rede. Mittlerweile verwende ich sie aber gerne.

Im Grunde genommen schreibe ich eigentlich alle möglichen Szenen gleich gerne. Wenn ich allerdings an eine „besonders gute oder spannende“ Stelle komme, die mir schon lange im Kopf umhergeistert, freue ich mich natürlich schon, sie endlich schreiben zu „dürfen“. Das macht dann auch bedeutend mehr Spaß, als „normale“ Situationen auszuarbeiten.

Ganz besonders mag ich allerdings, philosophische Gespräche oder Gedanken zu Papier zu bringen. Dies ist immer wieder eine besondere Herausforderung und vermittelt nach erfolgreichem Formulieren ein besonderes Gefühl von Zufriedenheit.

Wie hast du es geschafft, dass keine losen Fäden im Buch übrig bleiben?

WOLFGANG BRUNNER: 
Das ist eine Frage, die ich gar nicht richtig beantworten kann. Aus welchen Gründen auch immer, verarbeitet mein Gehirn während des Schreibens alle möglichen Fäden und verbindet sie am Ende zu einem hoffentlich immer logischen Ganzen.

Das fällt mir besonders beim Redigieren von älteren Manuskripten auf, die schon längere Zeit in der Schublade lagen. Beim Lesen bin ich dann immer wieder selbst erstaunt, dass ich sämtliche Fäden, die ich während der Geschichte verteilt habe, zum Ende hin wieder aufnahm und weiter verfolgte.

Sicherlich mache ich mir die ein oder andere Notiz, um etwas nicht zu vergessen, aber anscheinend übernimmt mein Unterbewusstsein intuitiv die Aufgabe, lose Enden nicht zu vergessen und wieder zusammenzufügen.

Wie gingst du an den Protagonisten Thomas Kassner heran? Würdest du uns dafür einfach mal ein Beispiel für die ersten Überlegungen zur Figur geben?

WOLFGANG BRUNNER: 
Die Figur des Thomas Kassner hat sicherlich ihren Ursprung in meiner eigenen Person. Ich dachte zum einen, dass es einmal interessant wäre, einen Teil von sich unter dem Deckmantel eines Protagonisten preiszugeben, zum anderen fiel mir Stephen King ein, dessen Protagonisten in vielen seiner Romane Schriftsteller sind. „Nachtzug“ bot sich irgendwie dafür an, es auch einmal auszuprobieren.

Kassners Charakter ist eine Mischung aus Wolfgang Brunner und einem erfundenen Mann, der auf der Suche nach beruflichem und privatem Glück ist. Ich überlasse meinen Figuren gerne, sich während des Schreibens zu entwickeln, sodass als Ausgangspunkt für Thomas Kassner in erster Linie wirklich nur meine Wenigkeit und ein paar erfundene Eigenschaften existierten. Der Rest erledigte sich sozusagen dann während des Schreibens.

Gingst du zuerst monatelang mit der Geschichte schwanger und fingst dann zu schreiben an oder hast du alle Recherchearbeiten abgeschlossen, das Exposee ist fertig und du beginnst zu schreiben? Wie muss man sich das vorstellen?

WOLFGANG BRUNNER: 
Die Idee entstand im Januar 2010, woraufhin ich sicherlich erste Überlegungen und auch Recherchen anstellte. Es ist oft so, dass ich bei einer neuen Idee nachforsche und mir zahlreiche Notizen mache. Damals steckte ich aber mitten in der Überarbeitung des zweiten Teils meiner Cryptanus-Reihe „Das Geheimnis von Griphus Nix“ und arbeitete zusätzlich noch an zwei Projekten gleichzeitig: nämlich dem dritten Teil der Kim Schepper-Reihe mit dem Titel „Kim Schepper und das Weinen der Zeit“ und dem Kinderbuch „Vincent“, das die Schlafstörungen „Pavor Nocturnus“ und „Pavor Diurnus“ behandelt, von denen vorwiegend Klein-, aber auch Schulkinder und Erwachsene heimgesucht werden.

„Nachtzug“ ruhte also fast ein Jahr, bis ich mich dazu entschloss, die Geschichte zu schreiben. Mit meinen Romanideen gehe ich teilweise wirklich monate-, manchmal sogar jahrelang schwanger. Vielleicht darf ich ein paar ziemlich gut dazu passende Worte aus Thomas Kassners Mund zitieren, die er in „Nachtzug“ an seine Begleiterin Julia Kempf richtet, die ihm eine ähnliche Frage stellte. Kassners Antwort darauf: „Es beginnt mit einem Gedankenblitz, der überall passieren kann: bei einem Spaziergang, im Schlaf, beim Sex, in einem Restaurant während des Essens, auf der Toilette oder bei einer Bahnfahrt. Dieser Gedanke, diese Ursprungsidee setzt sich in deinem Gehirn fest wie ein Parasit, der sich ab diesem Moment von deinen Überlegungen ernährt. Mit jedem Tag, jeder Stunde, sogar jeder Minute frisst er sich voll mit deinen Emotionen und Eindrücken, die dir widerfahren, bis er fett wie eine Mastgans ist und von dir geschlachtet werden kann. Wenn der Parasit geschlachtet ist, ergießt sich der gesammelte Inhalt wie der eines geplatzten Blutgefäßes wieder zurück ins Gehirn. Dort sucht er sich dann geeignete Stellen, um anzudocken und die Handlung mit neuen Impressionen zu vermischen. Aus der ursprünglichen Idee wird ein gereifter Handlungsfluss, der aber immer noch an allen Ecken und Enden Nahrung sucht und zu sich nimmt, wenn er eine geeignete Quelle gefunden hat.“

Wie muss man sich einen Tag in deinem Leben vorstellen, wenn du an einem Buch arbeitest?

WOLFGANG BRUNNER: 
Ich beginne normalerweise sehr früh mit dem Schreiben, spätestens um acht Uhr morgens. Je nach Tagesverfassung schreibe ich dann vier, sechs, manchmal auch acht Stunden, mal mit und manches Mal ohne Pausen. Oft ist es so, dass ich mich am Vormittag dem Schreiben und am Nachmittag dem Redigieren widme. Außerdem muss noch Platz für andere Dinge wie Homepagepflege, Beantwortung von Emails, Vorbereitungen für Lesungen etc. sein. Ein Arbeitstag als Autor ist mir meistens zu kurz und spannt mich von morgens bis abends ein.

Wo schreibst du am liebsten?

WOLFGANG BRUNNER: 
Es gibt nur eine einzige Stelle, an der ich schreibe: nämlich der Arbeitsplatz unter der Dachschräge unserer Hamminkelner Stadtwohnung. Dort habe ich alle möglichen Dinge in greifbarer Nähe, die ich zum Schreiben brauche: Musik, Manuskripte, Recherchenotizen, Maskottchen, Fotos an der Wand, Stifte und keine Aussicht auf eine Landschaft, die mich beim Arbeiten ablenken könnte. Ich schaue auf eine Wand voller Fotos, Postkarten, Notizen und anderer persönlicher Dinge.

Versuche, auf einem Notebook im Freien oder zum Beispiel während einer Bahnfahrt zu schreiben, schlugen fehl. Ich brauche eine vertraute Umgebung, Maskottchen und meine Katzen, um kreativ zu sein.

Hörst du auch Musik beim Schreiben und wenn ja, welche, oder brauchst du absolute Stille?

WOLFGANG BRUNNER: 
Auf meiner Homepage gibt es sogar eine eigene Rubrik „Musik“. Zu meinen Vorbereitungen, ein neues Projekt zu planen, gehört neben den Recherchearbeiten das Zusammenstellen bestimmter Musikstücke, die aus meinem Bauchgefühl heraus zu der angestrebten Geschichte und Handlung passen. Ich stelle mir zwei oder drei CDs zusammen, bevor ich überhaupt das erste Wort schreibe. Ich habe hin und wieder versucht, ohne Musik zu schreiben und feststellen müssen, dass es nicht funktioniert. Musik ist eine für mich unerschöpfliche Inspirationsquelle. Wie gesagt: wenn das Konzept für einen neuen Roman steht, stelle ich mir CDs zusammen, die die Stimmung und den Geist der Geschichte für mich wiedergeben.

Diese CDs höre ich dann während der gesamten Zeit, die ich für den Roman benötige, laut auf Kopfhörern. Diese Musikstücke bedeuten für mich immer wieder aufs Neue eine „Heimkehr“ in die Story und vermitteln mir ein „Zurück nach Hause kommen“-Gefühl. Für mich gilt eindeutig: Keine Musik – keine Geschichte!

Wirst du von einer Agentur vertreten? Und falls ja, was ist für dich der Vorteil, von einer Agentur vertreten zu werden?

WOLFGANG BRUNNER: 
Ich habe oft und lange darüber nachgedacht, mich an eine Agentur zu wenden. Der Vorteil läge eindeutig darin, sich die Arbeiten des „Backoffice“ zu ersparen. Aber noch erledige ich alles zusammen mit der tatkräftigen Unterstützung meiner Lebensgefährtin Marion Gallus.

An welchem Buch arbeitest du derzeit und darfst du schon ein wenig darüber verraten?

WOLFGANG BRUNNER: 
Momentan bin ich dabei, eine Hommage an die Horrorfilme der 80er, 90er und 2000er Jahre zu verfassen. In der Geschichte werden viele Anspielungen auf diese Filme vorkommen, die ich selbst manchmal noch gerne sehe. Anders als beim „Nachtzug“, der ja noch mit einer Liebesgeschichte aufwartete, wird „Scary Monsters“, so der Arbeitstitel, eine reine Horrorgeschichte werden. Zentraler Handlungsort wird ein Rummelplatz sein.

Sollte jemand jetzt auf den Gedanken kommen, ich würde dem Horrorgenre treu bleiben, so kann ich ruhigen Gewissens sagen, dass dem nicht so sein wird. Die nächsten drei Projekte sind nämlich schon beschlossene Sache und zeigen, dass ich meinem Grundsatz, mich in keinem Genre festzulegen, treu bleibe: ein Thriller über die Möglichkeit, durch eine neue Identität eine zweite Chance im Leben zu erhalten, eine Hommage an den fantastischen John Irving und eine Geschichte aus der Sicht einer demenzkranken Frau.

Welchen Tipp hättest du für angehende Autoren, die ein Horror-Buch veröffentlichen möchten?

WOLFGANG BRUNNER: 
Ob Horror, Krimi oder ein anderes Genre … Wichtig ist aus meiner Sicht, sich immer selbstkritisch gegenüberzustehen und an seinem Schreibstil permanent zu arbeiten. Redigieren bedeutet, das Manuskript nach Fertigstellung eine Weile ruhen zu lassen und ihm dann in mehreren Durchläufen den nötigen Feinschliff zu verschaffen.

„Geduldig sein und nicht aufgeben“ ist dabei eine Devise, die sich jeder, der Autor werden will, zu Herzen nehmen sollte. Die Einsendung eines Manuskripts bei Verlagen sollte ordentlich und überlegt gemacht werden. Ein Exposé ist da wie eine Visitenkarte.

Und zu guter Letzt, wie Michael Ende auch mir nahe legte: lesen und sich mit der Literatur beschäftigen ist eines der wichtigsten Werkzeuge für einen Schriftsteller.

Wolfgang, vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Aveleen Avide.